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Hurenkind und Schusterjunge

Von Lukas · aktualisiert am

Zwei alte Wörter aus der Setzerei für zwei verwandte Fehler: eine einzelne Zeile eines Absatzes, die getrennt vom Rest auf einer anderen Seite steht. Beim Lesen merkt man sie selten bewusst, und trotzdem sieht eine Seite damit unfertig aus.

Was ist was?

Ein Schusterjunge ist die erste Zeile eines Absatzes, die allein unten auf einer Seite steht. Der Rest des Absatzes folgt erst nach dem Umblättern. Ein Hurenkind ist die letzte Zeile eines Absatzes, die allein oben auf der nächsten Seite landet, oft nur ein paar Wörter lang.

Links unten ein Schusterjunge, rechts oben ein Hurenkind. In einem echten Buch kommt selten beides auf einer Doppelseite vor.

Setzer merken sich den Unterschied mit einem alten Spruch: Das Hurenkind weiß nicht, woher es kommt, der Schusterjunge weiß nicht, wohin er geht. Freundlich sind die Wörter nicht; im Englischen heißen dieselben Fehler widow und orphan, Witwe und Waise.

Warum es stört

Bevor du eine Seite liest, siehst du sie als Fläche. Eine einzelne Zeile am oberen oder unteren Rand reißt diese Fläche auf, und auf einer sonst ruhigen Doppelseite fällt sie als Erstes ins Auge. Der Schusterjunge ist dabei das kleinere Übel, du blätterst ohnehin um und liest weiter. Das Hurenkind stört mehr: Oben auf der Seite steht ein Satzrest, dessen Anfang auf der Rückseite geblieben ist, und darunter beginnt schon der nächste Absatz.

Wie Setzer sie loswerden

Am saubersten ist es, einen Absatz weiter vorn um eine Zeile länger oder kürzer zu machen. Am leichtesten geht das mit einem Absatz, dessen letzte Zeile nur ein Wort hat: Eine andere Trennung oder etwas engerer Wortabstand holt es in die Zeile davor. Setzer nehmen dafür kaum sichtbare Änderungen am Wortabstand oder an der Laufweite vor. Als Autorin oder Autor hast du eine Möglichkeit mehr: Du kannst einen Satz umschreiben.

Die zweite Möglichkeit: Beide Seiten einer Doppelseite werden eine Zeile kürzer oder länger als die übrigen. Das sieht niemand, solange linke und rechte Seite auf derselben Höhe enden.

Den Zeilenabstand auf einer einzelnen Seite zu verändern, ist dagegen keine Lösung. Die Zeilen stehen dann nicht mehr genau über denen der Rückseite, und auf dünnem Buchpapier scheint die Rückseite zwischen den Zeilen durch.

Was Word macht

Word hat dafür die Absatzkontrolle (Absatz › Zeilen- und Seitenumbruch), die von Haus aus eingeschaltet ist. Sie schiebt beim Schusterjungen die einzelne Zeile, beim Hurenkind eine Zeile mehr auf die nächste Seite. Die Seite davor endet dann eine Zeile früher, ihr Gegenüber aber nicht, und am Ende stehen auf vielen Doppelseiten zwei unterschiedlich hohe Seiten nebeneinander. Das ist besser als ein Hurenkind, aber noch kein Buchsatz.

Verwandt ist die Überschrift, die unten auf einer Seite steht, während ihr Text erst auf der nächsten anfängt. Dagegen hilft in Word die Option „Nicht vom nächsten Absatz trennen“, die in den Formatvorlagen für Überschriften schon eingeschaltet ist. Nimm also die Formatvorlagen, statt Überschriften von Hand fett und groß zu machen.

Und Kernsetzer?

Kernsetzer lässt beim Umbruch keine einzelne Zeile eines Absatzes oben oder unten auf einer Seite stehen und hält Überschriften bei ihrem Text. Du musst dafür nichts einstellen. Wie die Seiten aussehen, zeigt der erste Blick auf Kernsetzer.